Konzentration und Aufmerksamkeit bei Kindern

Die meisten Eltern können ein Lied davon singen: Das Kind ist abgelenkt oder wie aufgezogen, hampelt herum, hört nicht zu, redet dazwischen, hat zu wenig Disziplin, ist unruhig oder flüchtet sich in Tagträume. Wo hier die Ursachen liegen, was beim Konzentrieren in unserem Gehirn abläuft und wie man dies gerade bei jungen Menschen fördern kann, möchten wir in dieser Ausgabe von Frau Mag. Susanne Geisler erfahren, die als Klinische und Gesundheitspsychologin sowie als Psychotherapeutin eine Expertin auf diesem Gebiet ist.

Frau Mag. Geisler, woran kann man Konzentration bzw. Aufmerksamkeit erkennen?

Vor allem am Verhaltensablauf, das heißt, es sollte eine dauerhafte, intensive Zuwendung an eine Aufgabe zu beobachten sein, ein Prozess von aufgabenrelevanten Tätigkeiten und die Genauigkeit des Arbeitsergebnisses. Es besteht also eine gute Kontrolle des Handelns und der eigenen Denkprozesse.

Gibt es hier bei Kindern altersspezifische Unterschiede?

Selbstverständlich. Säuglinge haben zu Beginn extrem lange Aufmerksamkeitsspannen. Das liegt daran, dass es ihnen noch sehr schwerfällt, ihre Aufmerksamkeit von interessanten Reizen abzuziehen. Erst im Alter von vier bis sechs Monaten wird dies flexibler, und zwar durch die Entwicklung von Strukturen in der Hirnrinde, die unsere Augenbewegungen steuern. In den ersten Jahren achten Säuglinge und Kleinkinder in erster Linie auf neue und auffällige Ereignisse. Die Fähigkeit zur anhaltenden Aufmerksamkeit beginnt erst mit dem Kleinkindalter, gemeinsam mit der Entwicklung von zielgerichtetem Verhalten. Ein Beispiel dafür ist etwa das Bauen eines Turmes, das nur mit der Fähigkeit zur Zielorientierung erfolgreich bewerkstelligt werden kann. Mit zunehmender Komplexität der Aktivitäten und Pläne nimmt auch die Aufmerksamkeit zu und wird im Laufe der mittleren Kindheit selektiver, angepasster und zielgerichteter. Dem Kind ist es nun möglich, auf wesentliche Aspekte einer Situation zu achten und flexibler zu reagieren.

Und wann spricht man von Konzentrationsproblemen?

Aufmerksamkeits- und Konzentrationsmängel liegen vor, wenn es dem Betreffenden nicht möglich ist, zwischen relevanten und irrelevanten Arbeitsaufträgen zu unterscheiden, aber auch, wenn vermehrt Flüchtigkeitsfehler oder andere Leistungsmängel auftreten. Informationen aus der Umwelt können nur noch erschwert verarbeitet werden, wodurch sich natürlich ein enormes Spannungsfeld im Rahmen des Schulbetriebes auftun kann.

Kann ich Konzentration und Aufmerksamkeit gezielt fördern?

Hier gilt es, einige wesentliche Punkte zu beachten, die bereits vor dem eigentlichen Lernen auftauchen. Ist mein Arbeitsplatz zum Arbeiten bzw. zum Lernen überhaupt optimal? Ist er ordentlich aufgeräumt, und finden sich nur Dinge auf dem Tisch, die ich zum Lernen brauche? Ganz wichtig ist das strukturierte Arbeiten, also dass Hausübungen alle der Reihe nach erledigt werden und nicht schon beim Mathematik-Büffeln das Englischbuch nebenbei liegt. Ist die eine Aufgabe fertiggestellt, gibt das ein gutes Gefühl von „geschafft!“. Man kann die Mathe-Sachen beiseitelegen und sich nun dem nächsten Fach, oder im Job dem nächsten Arbeitsauftrag, widmen. Ganz wichtig ist ein Lernort, an dem man sich wohlfühlt, und am besten die Schultasche immer schon am Vortag packen und so Struktur zu schaffen.

Haben Sie vielleicht auch ein paar Tipps für Eltern?

Wenn es mit dem Lernen nicht so klappt, sollten Sie sich gemeinsam mit Ihrem Kind hinsetzen und überlegen, was es vom konzentrierten Arbeiten abhält. Könnte es Störfaktoren geben? Zum Beispiel das Handy, oder ist es im Raum prinzipiell zu laut, oder zu kalt oder zu warm?

Lassen Sie das Kind in eigenen Worten formulieren, was seine Aufgabe ist, mit welcher Aufgabe es anfangen will – also einen Plan machen – und was sein Ziel ist bzw. wie dieses erreicht werden kann. Kommt das Kind an einem gewissen Punkt nicht weiter, gehen Sie dem auf den Grund. Warum geht es nicht, was stört? Formulieren Sie gemeinsam Teilziele und planen Sie den nächsten Schritt! Ganz wichtig ist das Vermeiden und Bewältigen möglicher Frustrationen. Wird man zu ungeduldig, lieber eine Pause machen! Es hilft zudem, auch Teilergebnisse zu bewerten und zu würdigen, wenn man etwas geschafft hat. Das erhöht die Motivation und fördert die Bereitschaft, weiter an der eigenen Konzentration und Aufmerksamkeit zu arbeiten.

Wann sollte man sich Hilfe holen?

Wenn Sie merken, dass Ihr Kind über einen längeren Zeitraum von mindestens 6 Monaten unter deutlicher Unaufmerksamkeit leidet (Ihr Kind hört häufig scheinbar nicht, was man ihm sagt, es kann oft nicht Ihren Erklärungen folgen, es verliert häufig Gegenstände, es scheint häufig von äußeren Einflüssen abgelenkt, es ist nicht in der Lage die Aufmerksamkeit bei Aufgaben aber auch beim Spielen aufrechtzuhalten, ist oft vergesslich, …) sind das Hinweise auf eine mögliche einfache Aufmerksamkeitsstörung. Wenn aber auch zusätzlich Symptome der Überaktivität und Impulsivität beobachtbar sind, besteht möglicherweise eine sogenannte „hyperkinetische Störung“. In diesen Fällen sollte auf jeden Fall das Gespräch mit einer Psychologin oder einem Psychologen gesucht werden, um eine fundierte Abklärung des Störungsbildes sicherzustellen.